Polarisierte Diskurse entschärfen
Das Projekt KoKoKom untersucht, wie Gespräche über Geschlecht und Gender trotz polarisierter Debatten konstruktiv geführt werden können. Im Zentrum steht die Frage, wie gemeinsame Gesprächsgrundlagen, der sogenannte Common Ground, in Wissenschaftskommunikation entstehen oder verloren gehen. Ergänzt wird die Forschung durch Dialogformate wie Unterhausdebatten und World Cafés, in denen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit miteinander ins Gespräch kommen.
Wenn heute Gespräche über Geschlecht und Sprache eskalieren
Wer heute Gespräche über Geschlecht und Sprache führt, spürt schnell: Es geht längst um mehr als Sternchen oder Binnen-I. Viele Diskussionen eskalieren innerhalb von Minuten – manchmal, weil Fakten bestritten werden, manchmal, weil Emotionen hochkochen, oft, weil gemeinsame Grundlagen fehlen. Als Folge verhärten sich Fronten, im persönlichen, aber auch die gesellschaftliche Lage spitzt sich zu. In den USA werden Förderprogramme gestrichen, in einigen deutschen Ministerien Gender-Schreibweisen in offiziellen Dokumenten verboten, in Bayern gilt „Genderverbot“ für Schulen, Hochschulen und Verwaltung. Gleichzeitig ziehen sich weltweit Unternehmen aus Diversitäts‑, Gleichheits‑ und Inklusions‑Initiativen (DEI) zurück, und die öffentlichen Diskussionen werden schärfer. Und gleichzeitig fehlt es oft an wissenschaftlich fundierten Ansätzen, wie mit stark polarisierten Debatten umgegangen werden kann.
Das Forschungsprojekt KoKoKom
Genau hier setzt das Forschungsprojekt „KoKoKom – Über Geschlecht und Gender streiten. Konflikt und Konsens als Herausforderungen in der Wissenschaftskommunikation“ an, das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt in der Förderlinie Wissenschaftskommunikation geförderten wird. Der Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik von Professorin Annette Leßmöllmann kooperiert hierfür mit dem Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim und mit Lehrstühlen für Rhetorikforschung und Linguistik der Eberhard Karls Universität Tübingen.
Auf der Suche nach dem Common Ground
Das interdisziplinäre Team untersucht eine grundlegende Frage: Wie wirkt es sich auf die die Kommunikation über Wissenschaft und Wissen aus, wenn geteilte Annahmen und Gesprächsgrundlagen verloren gehen? Dazu untersucht es – anhand großer Datenkorpora, aber auch in Detailstudien – besonders kontrovers geführte öffentliche Debatten über Geschlecht und Gender der jüngsten Zeit, die sich immer auch um die Frage drehten, was gute Wissenschaft ist und wie es um die Wissenschaftsfreiheit im Lande steht.
Warum Verständigung schwieriger wird
In öffentlichen Diskursen beobachten Forschende zunehmend, dass Gesprächspartner*innen nicht nur unterschiedliche Meinungen vertreten, sondern sich nicht einmal mehr auf Tatsachen oder Gesprächsregeln einigen können – oder wollen: Ein Blick in die politische Kommunikation der USA, insbesondere die des US-Präsidenten Donald Trump, zeigt, wie Fragen mit Beleidigungen oder ausweichenden Antworten abgewehrt werden – ein Muster, das Verständigung untergräbt.
Ziel von KoKoKom ist es, besser zu verstehen, wie Polarisieren auf sprachlich-rhetorischer Ebene funktioniert, ob Wissenschaft in solchen Debatten instrumentalisiert wird und welche Bedingungen nötig sind, damit Wissenschaftskommunikation konstruktiv gestaltet werden kann. Denn: Common Ground entsteht nicht von selbst, sondern braucht Räume, klare Regeln – und die Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu hinterfragen.
Dialogformate als Lern- und Gestaltungsräume
Das Projekt verbindet Forschung mit praktischen Dialogformaten, in denen unterschiedliche Gruppen miteinander ins Gespräch kommen. Ein Beispiel sind sogenannte Unterhausdebatten und World‑Cafés. In diesen moderierten Formaten diskutieren Expert*innen aus Wissenschaft und Diversitäts- oder Gleichstellungsarbeit, Aktivist*innen und Interessierte gemeinsam über kontroverse Fragen rund um Geschlecht und Sprache.
Austausch auf Augenhöhe
Dabei zeigt sich immer wieder, dass Verständigung oft mit der Konfrontation von Grundannahmen beginnt, die im eigenen Umfeld als gesetzt gelten, aber nicht unbedingt allgemeingültig sind. Unterschiedliche emotionale Reaktionen – etwa auf abwertende Begriffe – gehören zum Lernprozess. In den Dialogformaten werden klare Grenzen gesetzt: Diskriminierende Sprache soll in diesen Dialogräumen keinen Platz haben. Gleichzeitig wird gemeinsam ausgelotet, wo Diskriminierung beginnt.
Besonders wertvoll erweist sich der Austausch über Generationen und Statusgruppen hinweg. Studierende, Forschende, Fachvertreter*innen und gesellschaftliche Akteur*innen bringen unterschiedliche Erfahrungen mit Sprache und Öffentlichkeit ein.
Die Erfahrungen der Dialogformate, zusammengefasst:
1. Polarisierte Debatten folgen erkennbaren Mustern – so dass Lösungen gefunden werden können.
2. Verständigung braucht Gestaltung – insbesondere Vereinbarungen über Gesprächsregeln –; sie entsteht nicht zufällig.
3. Forschung und Praxis müssen zusammenwirken – erst dann wird Kommunikation wirklich inklusiv.
Gerade bei gesellschaftlich umstrittenen Themen braucht es Formate, die Austausch auf Augenhöhe ermöglichen und gemeinsame Wissensgrundlagen schaffen. Wissenschaft(skommunikation) kann hier eine moderierende Rolle übernehmen – indem sie zeigt, welche Muster polarisierte Debatten prägen und wie konstruktive Kommunikation gestaltet werden kann. Durch angewandte Theorie-Praxis-Interaktion trägt KoKoKom bereits dazu bei. In einer Zeit, die sich für viele zunehmend polarisierter anfühlt, wird dieser konstruktive Austausch sehr dankbar angenommen.
Info-Kasten Projekt KoKoKom
- „Über Geschlecht und Gender streiten. Konflikt und Konsens als Herausforderung der Wissenschaftskommunikation“
- Beteiligte:
- Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim
- Eberhard Karls Universität Tübingen
- KIT
- Laufzeit: Ende 2023-Oktober 2026
- Förderer: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)




